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Sind nachhaltige Lebensstile das neue „Weniger ist mehr“?

Von Vanessa Mantini, ANU Bayern e.V.

Nicht erst seit dem Ergebnis der Bundestagswahl wissen wir: Große, positive Veränderungen von politischer Seite hinsichtlich Umwelt- und Klimaschutz sind demnächst nicht zu erwarten. Gut, in der Politik braucht es einen langen Atem und zweifelsohne ist die Demokratie die beste aller möglichen Staatsformen. Aber auf Veränderungen zu warten, ist nicht jedermanns Sache.
Welch ein Glück! Immer mehr Menschen erkennen, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Denn statt auf Verordnungen zu warten, die uns diktieren, wie alles besser wird, ist endlich die eigene Selbstwirksamkeit der Motor für Veränderung. Eine Haltung einnehmen und für das eigene Handeln und seine Konsequenzen geradestehen. Stichwort: Nachhaltige Lebensstile.
Diese Begrifflichkeit ist mehr als eine leere Worthülse – und kann ganz unterschiedlich gelebt werden. Meist steht dahinter der Wunsch, die Gesellschaft zu verändern. Zumindest erfordern nachhaltige Lebensstile ein bewusstes und konkretes Handeln auf politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und / oder privater Ebene. In ihrer Ausformung beinhalten nachhaltige Lebensstile klassischerweise die Energieversorgung durch erneuerbare Energien - mehr noch ein energieeinsparendes Verhalten -, eine nachhaltige Mobilität, die Vermeidung von Müll sowie eine saisonal-regionale und ökologische Ernährung. Ganz allgemein gesagt eine Lebensweise, die den persönlichen ökologischen Fußabdruck möglichst klein ausfallen lässt.
Aber eine Verhaltensänderung entsteht eben nicht auf Verordnung, sondern aufgrund einer Einsicht und - fast noch wichtiger - weil das Gefühl stimmt. Das ist gut so und absolut notwendig. Denn weiter wie bisher bringt - nichts.
Das „Schneller, Weiter, Mehr“ als Maxime für Wohlstand und Wachstum könnte also abgelöst werden durch ein Besinnen auf das rechte Maß. Entschleunigung. Gemäßigter Konsum. In allen Bereichen der Gesellschaft kommt langsam, aber sicher diese Botschaft an. Das „einfache Leben“ ist aber nicht gleichzusetzen mit dem Verzicht auf Luxus oder einer modernen Form der Askese. Nachhaltige Lebensstile sind wesentlich kreativer und suchen nach Lösungen, die Spaß machen, ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen und begeistern.
Durchaus wird dabei das Internet als Verbündeter genutzt: Statt im eigenen sozialen Mikrokosmos gefangen zu sein, können diverse digitale Formate das Gemeinschaftsgefühl stärken. Ich suche mir Gleichgesinnte, mit denen ich gemeinsam Ziele erreichen, Umweltschutz leben kann. Beispiele sind soziale Plattformen - eine Möglichkeit, Nachbarschaft zu beleben, Netzwerke im direkten Umfeld aufzubauen und zu stärken. Der Gedanke dahinter: Nicht alles, was ich nicht habe, muss ich mir kaufen. Leihen, tauschen, einander helfen ist die neue Devise und ein Grundgedanke der Postwachstumsökonomie. Nicht nur Umwelt und Geldbeutel werden dadurch geschont, sondern soziale Verbindungen geschaffen, die heutzutage in Großstädten kaum noch existieren. Einmal registriert kann nicht nur die Bohrmaschine ausgeliehen werden. Kleidertauschpartys, Schach spielen für Jung und Alt, Urban Gardening-Aktionen mit Bewohner*innen des Viertels beleben das Miteinander und stärken darüber hinaus bürgerschaftliches Engagement.
Gerade das Erkennen, dass ich Teil von etwas bin, dass ich mitgestalten kann, erhöht die Beteiligung für die gute Sache. Vor allem junge Menschen sind wieder auf der Suche – weg von der Abgrenzung und dem Trend zur Individualität, hin zu Werten wie Vertrauen, Freundschaft und Familie, wie die 17. Shell Jugendstudie belegt. Sie attestiert den Jugendlichen im Vergleich zu den Vorjahren eine gestiegene Bereitschaft zu umweltbewusstem Verhalten. Ein hoher Lebensstandard und materielle Dinge treten in den Hintergrund, politisches Interesse und damit die Bereitschaft zur eigenen Beteiligung an politischen Aktivitäten nehmen zu. Dennoch haben Jugendliche weniger Möglichkeiten zur Mitbestimmung, sie sollen aber als sogenannte Change Agents ihre Vorstellungen von einer nachhaltigeren Gesellschaft verwirklichen können. Da sie eine wichtige Zielgruppe der Konsumgesellschaft sind, haben ihre Verhaltensweisen einen starken Einfluss auf zukünftige Lebensstile. Sie sind die Hoffnung, die Transformation hin zu einer nachhaltigeren Gesellschaft voranzubringen.
Das Weltaktionsprogramm Bildung für nachhaltige Entwicklung der UNESCO betont im dritten Handlungsfeld den nötigen Kompetenzaufbau von Multiplikator*innen. Das macht Sinn, finden doch geschätzte 60-70% aller menschlichen Lernprozesse im Alltag, in Familie und Freizeit statt. Eine besondere Chance für außerschulische Bildung, denn gerade non-formales und informelles Lernen bietet einen breiten Spielraum für eine Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Und BNE wiederum dient als Schlüsselinstrument, um die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, die Sustainable Development Goals (SDGs), zu erreichen. Dabei muss klar sein, dass die Fehler, die wir und vergangene Generationen gemacht haben, nun nicht auf den Schultern der Jugend lasten und von ihnen „abgearbeitet“ werden sollen. Das ist weder fair, noch wird es die Probleme lösen, die Klimawandel und globale Ungerechtigkeiten mit sich bringen. Ein achtsamer Umgang mit Ressourcen und ein nachhaltiger Lebensstil müssen fragloser Teil lebensweltlicher Praxis ALLER werden.
„Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“ Dieses bekannte Zitat von Mahatma Gandhi kann etwas freier ausgelegt die soziale Transformation beschreiben: Mit einem selbstgewählten nachhaltigen Lebensstil mag man als Öko oder harmloser Spinner gelten. Aber auf einmal gehört man zur Avantgarde und zu Pionieren, die als Vorbilder weitere Menschen inspirieren und motivieren, selber nachhaltig zu leben.
Der Weg dahin wird noch etwas Zeit in Anspruch nehmen. Denn wir leben in einer Kultur, in der man sich selber nicht wehtun möchte. Und als schmerzhaft könnte es so manch einer empfinden, die individuelle, aber leider klimaschädigende, Wohlfühlzone zu verlassen. Damit unsere Welt aber nachhaltiger wird, ist ein Wandel von Nöten – die Frage des „ob“ stellt sich gar nicht mehr. Verzicht, etwas abgeben, das eigene Leben neu denken, kann erstmal irritierend sein. Diesen Prozess jedoch bewusst und selbst gestalten, ist der beste Weg. Diesen mit Begeisterung und kreativen Ideen umzusetzen, wirkt ansteckend – und nur so gelingt ein tiefgreifender und nachhaltiger gesellschaftlicher Wandel.

*(Titel der aktuellen Biographie über den Künstler und weltbekannten (Kinderbuch)Autor Janosch)