Wasser verbindet - Interkulturelle Zugänge zu einem Gemeingut

Bericht von Dr. Christa Müller

Workshop "interkulturelle Gärten"
(Foto: Caroline Fischer)

Das Themenfeld „Wasser“ ist aufgrund seiner lokalen wie globalen Dimensionen und seiner Alltagsrelevanz gut für interkulturelle Umweltbildungsarbeit geeignet. Die knappe Ressource Wasser ist vielfältig kulturell geprägt, steht im Mittelpunkt tiefgreifender Konflikte und ist häufig Ursache für Migration. Wasser wird wegen seines begrenzten Vorkommens und der damit verbundenen Technologien und Ökonomien in vielen Ländern und Kulturen anders wahrgenommen als in Deutschland, in dem es ganz selbstverständlich für alle verfügbar aus den Leitungen fließt.

Der Beitrag will vermitteln, welche Ansätze der interkulturellen Umweltbildungsarbeit in den Interkulturellen Gärten in Deutschland bislang entwickelt wurden und anschließend Perspektiven skizzieren, um die im wesentlichen am „Boden“ erprobte Methodik auf das Themenfeld Wasser zu übertragen. Zunächst sollen die Interkulturellen Gärten als innovative Orte einer interkulturellen Umweltbildung vorgestellt werden.

Wenn hier im Folgenden von Migranten die Rede ist, dann muss natürlich vorausgesetzt werden, dass auch migrantische Sozialmilieus komplex und ausdifferenziert sind. Heute weiß man, dass auch in ihnen die Klassenzugehörigkeit sehr viel prägender für den Lebensstil ist als ethnische Zugehörigkeit oder Religion, die oftmals als einzige Kriterien für Identitätsbildung und Milieuprägung überschätzt werden. 2007 wurden die sogenannten Sinus-Milieus erstmals auch für die Migrationsbevölkerung erhoben. Dabei reichen die identifizierten Milieukategorien vom „religiös-verwurzelten Milieu“ über das „traditionelle Gastarbeitermilieu“ zum „multikulturellen Performermilieu“ etc. Quelle:

 www.sinus-sociovision.de/Download/Report_Migranten-Milieus_16102007_Auszug.pdf

Auch mit einem solchermaßen, zumindest differenziert erscheinenden Blick gehen Ungenauigkeiten einher. Trotzdem erhält man eine Vorstellung von der Vielfalt auch der migrantischen Milieus, in die es zielgenau hineinzukommunizieren gilt, will man sie für Umweltbildungsthemen sensibilisieren.

Interkulturelle Gärten

In Interkulturellen Gärten bauen Menschen aus vielen unterschiedlichen Ländern und aus allen sozialen Schichten gemeinsam mit Deutschen Obst und Gemüse an, tauschen Saatgut und Rezepte aus, bauen kleine Gemeinschaftshäuser aus Holz sowie Brotöfen aus Lehm, kochen, grillen und feiern zusammen. Der spezifische Punkt an Interkulturellen Gärten ist, dass sie den Beteiligten die Möglichkeit bieten, anderen auf Augenhöhe zu begegnen und sich selbst als produktiv erfahren zu können. In diesen Projekten, von denen es in Deutschland mittlerweile weit über 80 (und weitere 60 im Aufbau) gibt, steht nicht die „Verwahrung“ der Leute in multikulturellen Teestuben oder das „Besprechen“ problembeladener Alltagskontexte im Mittelpunkt, sondern das gemeinsame Tätigsein und die Gestaltung des unmittelbaren Umfeldes. Das ist im Falle der Gärten zunächst einmal der Boden, der umgepflügt und neu bepflanzt werden muss. Gestalten muss man aber auch die heterogene soziale Gemeinschaft, die sich auf dem Grundstück zusammenfindet – und darüber hinaus den Stadtteil, in dem der Garten liegt. Diese konzentrische Bewegung von innen nach außen entspricht den Zeit- und Raumvorstellungen der GärtnerInnen, die auf diese Weise ihre Wirklichkeit mit Anderen verhandeln und sich das dabei entstehende Neue aneignen. Die Gärten bieten Räume des Wachsens und Vergehens, der Kommunikation und des Lernens. Sie sind ein „sicherer Hafen“, von dem aus in andere gesellschaftliche Bereiche vorgestoßen werden kann. (www.stiftung-interkultur.de)

Die Internationalen Gärten Göttingen e.V. haben im Jahr 2001 erstmals ein interkulturelles Umweltbildungsprojekt konzipiert und erprobt. Selbstdefinierte Aufgabe war, die in die unterschiedlichen Herkunftskulturen eingebetteten Praktiken des Umweltschutzes freizulegen und Verknüpfungen zur hiesigen Ökologiedebatte herzustellen. Die Ausgangsfrage lautete: Wenn keine gemeinsame Kultur oder Sprache vorhanden ist, kann man dann ökologische Inhalte über gemeinsame Naturerfahrung und Naturverhältnisse vermitteln? Und kann auf diese Weise den diversen Erfahrungswelten der Beteiligten Kontinuität verliehen werden? Das vom BMU geförderte Projekt „Lebendiger Boden - lebendige Vielfalt“ hat die Stiftung Interkultur/anstiftung wissenschaftlich begleitet. Die Ergebnisse wurden publiziert (Müller 2002).

In diesem „Klassiker“ der interkulturellen Umweltbildung arbeiteten die TeilnehmerInnen in einem Zeitraum von einem halben Jahr mit Methoden, die sie zuvor in einem aufwändigen Abstimmungsprozess gemeinsam festgelegt hatten, wie z.B.:

  • reflexive, lebensgeschichtliche Erzählungen
  • subjektive, biographieverbundene Naturbeobachtungen
  • systematische und vergleichende Naturbeobachtungen
  • Generierung und vergleichende Auswertung von Erfahrungswissen
  • Besichtigungen von Fachbetrieben, Initiativen und Institutionen im Bereich des Umweltschutzes (u.a. Regionales Umweltbildungszentrum, Staatliches Forstamt, Tropisches Gewächshaus Uni Kassel, Wasserwirtschaft Oberharz).

Neben den vielfältigen Umweltbildungsaktivitäten lag der methodische Schwerpunkt der Wissensgenerierung im Projekt „Lebendiger Boden – lebendige Vielfalt“ in kommunikationsgestützten Verfahren der Vermittlung von Erfahrung. Die TeilnehmerInnen berichteten bei den regelmäßigen Treffen über ihnen bekannte kulturelle Praktiken zur Feier der Fruchtbarkeit oder auch zum Schutz der Natur. Viele ProjektteilnehmerInnen sammelten in öffentlichen Bibliotheken Daten über die Naturgrundlagen und Geographie ihrer Herkunftsländer und stellten sie anschließend in den Arbeitstreffen vor.

Gemeinsam wurde die ökologische und ökonomische Bedeutung der unterschiedlichen kulturellen Praktiken herausgearbeitet; man stellte Überlegungen über den Zusammenhang von Ökologie und Politik, von Ressourcenknappheit und dem Kampf um Land an.

Die Diskussionen über den Zusammenhang von ökologischer Krise und gesellschaftlicher Krise fanden statt im Rahmen der Bearbeitung des themenzentrierten Strangs „Zyklus Erde“. Erde hat eine große symbolische Bedeutung in den Erinnerungslandschaften der Menschen. Viele der beteiligten GärtnerInnen fühlen sich der Erde verbunden und haben während der Dauer des Umweltbildungsprojekts auf den unterschiedlichsten Ebenen Verortungs-, Berührungs- und Kontaktpunkte zur Erde in diversen Kontexten gesucht.

In den Gesprächen stellte sich u.a. heraus, dass viele MigrantInnen und ExilantInnen Erde beim Verlassen ihrer Heimatorte mitnehmen, die sie nun überallhin begleitet. Bei ihrem Tod wird ein Säckchen der Heimaterde mit ins Grab gegeben. Die starke Metaphorik dieser Handlungen spiegelt zum einen die Bedeutung der Einbettung des menschlichen Lebens in einen spezifischen Raum wider und zum anderen die tröstliche Option, den Raum zu verlassen und ihn zugleich mitnehmen zu können. (ausführlich in Müller 2002:73ff)

Die Projektbeteiligten versuchten sich dem Themenfeld auch darüber anzunähern, dass sie systematisch Wissen aus den ihnen zugänglichen unterschiedlichsten Kulturkreisen sammelten: In einigen ist Erde heilig, wenn sie geweiht wurde oder wenn in ihr Religionsstifter begraben liegen bzw. auf ihr gelebt haben. Im Koran ist die Rede von Feigen und Oliven als „heiligen Früchten“, mit denen Allah schwört. In Äthiopien haben bestimmte Bäume haben eine sakrale Bedeutung. Unter ihnen werden Treffen abgehalten, weil sie im Ruf stehen, der Konzentration besonders förderlich zu sein. Andere Bäume stehen unter Schutz, weil sie Geister beherbergen.

Der Bezug zum Wasser

Auch Wasser kann sakralen Status haben; z.B. das Weihwasser in der katholischen Kirche; der heilige Brunnen in Mekka oder die Flüsse der Maori, in denen die Ahnen leben. Die in Interkulturellen Gärten entwickelte Methodik der interkulturellen Umweltbildungsarbeit auf das Themenfeld „Wasser“ zu übertragen, ist eine Aufgabe, die bislang noch nicht erprobt wurde, aber eine interessante Herausforderung darstellt, denn ebenso wie das Themenfeld Erde bietet Wasser eine Vielzahl von Zugängen für die interkulturelle Arbeit. Hier sind einige Anregungen in Stichworten, die auch einen digital gestützten Zugang ermöglichen:

  • Wasser-Exkursionen/Wasser-Alltag (Video-Clips mit Beobachtungen und Mini-Reportagen)
  • Zurück zur Quelle: Was die Alten zum Wasser sagen (videogestützte Interviews)
  • Wasser-Map (Landkarte mit Wasser-Events, z.B. Museen, Mühlen, Seen u.Ä.)
  • Wasser sind wir (Beiträge zu Wasser und Körper, Interview mit Fachwissenschaftler)
  • Wasser im Alltag - hier und dort (Text und Bild)
  • Wasser-Sounds (digitales Sound-Archiv)
  • Wasser-Shots (digitales Foto-Archiv)
  • Extreme: Ein Tag ohne Wasser (Essay-Wettbewerb)
  • WasserPower (Energiegewinnung aus Wasser)
  • Wasser-Katastrophen (Beiträge zu Überschwemmungen und Dürren)
  • Heiliges Wasser (der religiösen Bedeutung von Wasser auf der Spur)
  • Wasser-Kunst (Beiträge zu verschiedenen Formen von Wasserkunst)
  • Mysterium Wasser (Was ist eigentlich „Fließen“? Tanz- bzw. Körperarbeits-Workshop)
  • Politik mit der knappen Ressource Wasser: Über den Zusammenhang von Privatisierung eines Gemeinguts und internationalen Fluchtbewegungen.

Da Interkulturelle Gärten eine große Anziehungskraft insbesondere auf Flüchtlinge haben, liegt es auf der Hand, im Rahmen eines Umweltbildungsprojekts zum Wasser zu thematisieren, dass ein beständig wachsender Teil der internationalen Fluchtbewegungen mittlerweile auf Umweltursachen, und speziell auf den schwerer werdenden Zugang zu Wasser zurückzuführen ist. Ein immenser Teil des weltweit genutzten Agrarlandes ist bereits unfruchtbar, große Gebiete des Weidelandes sind übernutzt, die Meere sind überfischt und zugleich Giftmüllhalden der industriellen Produktion. Parallel dazu nimmt die Problematik des Mangels an zugänglichem Trinkwasser weltweit ebenso rasch zu wie die Gefahr von Überschwemmungen als Folge der Klimaerwärmung. Abwanderungsgründe können z.B. Zwangsumsiedlungen wegen gigantischer Dammbauten sein, oder auch Pestizidrückstände aus industrieller Landwirtschaft. In Kombination mit Bodenerosion und Versalzung führt dies z.B. am Aralsee zur Flucht von 100.000 Menschen. Bei Wasserkrisen und Bodenverarmung handelt es sich laut dem Politikwissenschaftler Frank Biermann in den meisten Fällen um ein Armuts- und damit um ein inner- wie zwischenstaatliches Verteilungsproblem:

„Mittelbar wirken je nach Region unterschiedliche Faktoren: fehlgeleitete Bewässerungsprojekte wie am Tschadsee oder der Wechsel zum Anbau weltmarktfähiger Früchte, wie der Baumwolle, welche oft weniger Menschen beschäftigt und die übrigen zum Bewirtschaften randständiger Böden zwingt, soweit nicht andere Erwerbsmöglichkeiten entstehen. Die Mechanisierung der Landwirtschaft führte in einigen Gebieten zur Verdichtung, gesteigerten Erosion und über den Pestizideinsatz zur Bodenvergiftung; auch Versalzung des Ackerbodens und die Bohrung von Tiefbrunnen, die lokale Grundwasservorräte überbeanspruchen, schaffen ökologische Probleme.“ (Biermann 2001, online-Dokument)

An diesem Beispiel wird deutlich, wie groß die Überlappungen zwischen globalpolitischen und individualbiographischen Entwicklungen sein können. Diese zu thematisieren schafft einen doppelt fruchtbaren Lernraum, in dem die Grundprinzipien und Methodiken interkultureller Umweltbildungsarbeit ihre Wirkung entfalten können. Auf diese möchte im Folgenden vertieft eingehen.

Biographien und Fähigkeiten müssen einfließen

Das Göttinger Vorgehen hat gezeigt, dass das Anknüpfen an Fähigkeiten und Fertigkeiten der Migrant/Innen (und nicht an ihren Defiziten) in einem gewollt pluralen Raum eine spezifische Ausgangslage, um einem höchst fruchtbaren Zusammenhang von kultureller Vielfalt, lebendiger Natur und der Bezugssysteme der handelnden Akteure untereinander nachzugehen. In der Tat ist das Spektrum an Umweltbildungsprojekten in Interkulturellen Gärten breit. In ihnen bestimmt weniger der moralische Zeigefinger als vielmehr die Lust am gemeinsamen Tun und Lernen das Geschehen. Schließlich bringen die Aktiven oft selbst ein erhebliches, wenn auch manchmal verschüttetes Wissen über Naturzusammenhänge ein, das die Praxis erweitert und bereichert.

Damit werden die Beteiligten ernst genommen, und es wird entlang der oft brutalen Realitäten Lernstoff gesammelt. Zugleich jedoch ist der Ort des Lernens ein eher sanfter. Viele Menschen bezeichnen den Garten als „Balsam für die Seele“. Es tut gut, im Garten zu sein, die Ruhe wahrzunehmen, die Vitalität der Natur, ihre Farben und Formen, die das Schönheitsempfinden ansprechen, ihre Gerüche, die Erinnerungen freisetzen. Man kann das Wachstum auf der eigenen Parzelle beobachten, sich darüber mit den anderen beim selbstgebrühten Kräutertee austauschen, an der Wasserpumpe oder an der Regentonne über das Wetter räsonnieren, den Gießdienst für Vergessliche übernehmen, oder einfach mal ganz für sich sein. Die Erfahrung vieler MigrantInnen, dass ihre Anwesenheit hinterfragt und angezweifelt wird, entfällt im Garten häufig. Natur bewertet nicht, Natur beheimatet.

Damit haben wir eine wichtige Anforderung für eine erfolgreiche interkulturelle Umweltbildungsarbeit formuliert: Sie muss inklusiv und partizipativ sein. Menschen müssen sich tatsächlich gemeint fühlen. Das tun sie in dem Moment, in dem ihre Biographie, und damit auch ihre Kenntnisse und Fähigkeiten in den Prozess und seiner sozialen Gemeinschaft einfließen. Das kann die Gestaltung eines Gartenprojekts sein, das kann aber ebenso die Bürgerbeteiligung an einer Flussrenaturierung sein: Ein biographischer und alltagsrelevanter „Einstieg“ in das Themenfeld kann in den interkulturellen Lernraum transportiert werden. Die Knappheit und Kostbarkeit von Wasser etwa können in Form einer biografischen Erzählung oder der Rekonstruktion von Familiengeschichte anhand von Bildern besser vermittelt werden als in Form einer abstrakten Darstellung. Diese und ähnliche Erfahrungen, Wahrnehmungen, Bewertungen und Wissenssplitter sind die „Achsen“ des interkulturellen Raumes und zugleich der „Stoff“, aus dem neue Zugänge zum Wasser entstehen können.

Menschen ohne Naturerfahrungen verkümmern seelisch

Viele Menschen beschreiben mit Empathie die heilenden Wirkungen der Natur. Gleich, ob es ein Garten ist, ein Flussufer oder der Wald: Auch Migranten suchen Natur gerade dann auf, wenn sie mit Heimweh konfrontiert sind. Ich spreche da aus eigener Erfahrung: Ich bin in einer kleinen westfälischen Stadt zwischen zwei Flüssen aufgewachsen, und als ich zum Studium nach Sevilla ging, saß ich, immer wenn ich Heimweh hatte, genau an den (sumpfigen) Uferstellen des Guadalquivir, die meinen inneren Erinnerungslandschaften optisch am nächsten kamen, an denen sich aber z.B. kein Spanier freiwillig aufhalten würde.

Heute wissen wir (wieder), dass Menschen ohne Naturerfahrungen seelisch verkümmern. Das Glück, das Menschen empfinden, wenn sie in Berührung mit Natur sind, ist Ausdruck davon, dass wir uns aufgehoben und getragen fühlen im Lebendigen. Nicht zuletzt deshalb, weil uns das Lebendige höchstgradig vertraut ist, denn wir sind es selbst. Dies ist beileibe kein „romantischer Kitsch“, sondern Kernthese einer neuen Richtung in den Lebenswissenschaften, die zu dem Ergebnis kommt, dass der Verlust der Natur – im Alltag der Stadtmenschen aber auch im Verlust der Artenvielfalt – weit mehr bedeutet als eine klimatische Katastrophe. Der Biologe und Philosoph Andreas Weber warnt: „Dem Menschen droht ein emotionaler Verlust, der die Grundstruktur seines Wesens angreift, (das) befürchten auch Psychologen der Harvard-Universität. Sie nehmen an, dass bereits im Jahr 2020 Depressionen nach Herz- und Kreislaufproblemen die weltweit zweithäufigste Gesundheitsstörung sein werden – auch aufgrund zunehmender Entfremdung von der Natur. Weil alle unsere Eigenschaften, auch die ‚menschlichsten‘, letztlich aus einem organischen Boden wachsen, kann sich der Mensch nur dann ganz verstehen, wenn er sich – als Kulturwesen – innerhalb der Natur versteht. Für den Menschen liegt das größte Risiko der Umweltzerstörung darin, dieses Verständnis zu verschütten.“ (Weber 2008:18f.)

Interkulturelle Umweltbildung muss also davon ausgehen, dass das lebendige „Feld“ der Natur die Lebendigkeit der Menschen, seine Kreativität im Umgang mit der ökologischen Krise spiegeln und verstärken. Nur wer erfüllende und glückliche Momente in der Natur verbracht hat, kann ihren Eigenwert erkennen. Deshalb ist eine wichtige Aufgabe der Umweltbildung, mit dafür zu sorgen, dass Naturräume auch und gerade in urbanen Räumen vorhanden sind, und dass diese von den sozialen Schichten in Anspruch genommen werden, bei denen die zumeist mittelschichtszentrierte Rhetorik der Umweltdebatte nicht ohne weiteres verfängt. Benötigt werden neue Formen der zielgruppenspezifischen Kommunikation, aber auch neue soziale Räume, die in Naturzusammenhänge eingebettet sind.

Selbstreflexion und Empathie stärken

Interessant ist hier nun zweierlei: Zum einen ergibt sich aus diesen eher universellen Anforderungen geradezu ein interkultureller Zugang, der das Vorhandensein von Vielfalt erkennt und fruchtbar macht. Zum zweiten geht es darum, dass Umweltbildung auch als eine Art Instrument verstanden werden kann (und sollte), das eine Brücke zwischen dem Lebendigen der Natur und der kreativen Gestaltung von kultureller Vielfalt darstellt. Das ist deshalb so leicht möglich, weil Naturerfahrung, Sehnsucht nach Natur und die Erinnerung an starke Naturerfahrungen in der Kindheit als eine universelle, und über alle scheinbaren kulturellen Erfahrungen hinweg teilbar sind. Eine solche Übereinstimmung gibt es in der funktional ausdifferenzierten Moderne nur an sehr wenigen „Schnittstellen“. Unsere Erfahrungen zeigen deutlich, dass eine intensive und im interkulturellen Kontext reflektierte Naturerfahrung auch kulturelle und Klassengrenzen auflösen kann. Sicher nicht für immer und sicher nicht bei allen. Aber die Erfahrungen sind da, und sie wirken.

Natur kann Erfahrungen von Verbundenheit in Gang zu setzen. Andreas Weber bringt dies in seinem Epos „Alles fühlt“ immer wieder auf den Punkt:

„Nur im Spiegel anderen Lebens können wir uns selbst verstehen.“ (Weber 2008:34) „Wir brauchen die anderen Organismen, denn sie sind das, was auch wir sind, was wir aber nicht sehen können, weil wir es sind...“ (35) Und:

„Wir müssen Natur bewahren, weil wir sie selbst sind, und wir müssen Natur bewahren, weil sie alles ist, was wir nicht sind.“ (294)

Hier liegt die Analogie auf der Hand: So wie wir Tieren und Pflanzen als vermeintlich „Anderen“ begegnen und in der Begegnung neue innere Räume eröffnen, so können wir auch Menschen mit verschiedenen kulturellen Erfahrungen begegnen und mit ihnen Gemeinsamkeiten entdecken; z.B. die Liebe für eine Blume teilen oder uns über Kindheitserfahrungen an Flussufern in unterschiedlichen Teilen der Welt austauschen.

Interkulturelle Zugänge erfordern sinnlich-emotionale Erfahrungen von Verbundenheit

Derzeit revolutionieren einige bahnbrechende Erkenntnisse in den Naturwissenschaften unser Bild vom Leben und von den Potenzialen des menschlichen und nicht menschlichen Lebendigen. Wenn wir, wie die Neurowissenschaften, die Quantenphysik oder auch die Molekularbiologie nahe legen, in ein Beziehungsgeflecht auf diesem Planeten eingebunden sind, dann macht es Sinn, sich dieser Tatsache (wieder) gewahr zu werden und Räume zu schaffen, die Erfahrungen von Verbundensein ermöglichen. Die Erfahrung, sich verbunden mit der Natur zu fühlen, ermöglicht es zugleich, sich verbunden mit allem Leben zu fühlen, und in diesem Moment soziale und kulturelle Differenz als Bereicherung wahrzunehmen, die nur unseren lebendigen Zugang zur Welt nährt und befeuert.

Wenn wir Lernvorgänge aus der Perspektive der jüngsten neurobiologischen Forschung betrachten, sehen wir, dass Lernen neben starken Sinnzusammenhängen und -bezügen immer ein lebendiges Gegenüber benötigt: Dafür sind neben Menschen auch die sinnlich-emotionalen Eindrücke, die Pflanzen und Tiere in uns hinterlassen, ein fruchtbares Feld, um den Boden für die Liebe zur Natur zu bereiten. Und um zu lernen. Erfolgversprechendes Lernen muss erfahrungsbasiert sein, und es setzt eine tiefe Begegnung mit anderen voraus. Der Hirnforscher Gerald Hüther in einem Interview in SZ Wissen:

„Es gibt keine bessere „geistige“, emotionale und „seelische“ Nahrung für Menschen als den Austausch mit anderen Menschen. Dazu gehören gegenseitige Hilfe, gemeinsame Anstrengungen und wechselseitiges Vertrauen sowie die Weitergabe von eigenen Erfahrungen.“ Quelle: www.erfahrung-ist-zukunft.de/Webs/EiZ/Content/DE/Artikel/Wissenswertes/20080218-interview-gerald-huether.html vom 25.9.08)

Interkulturelle Umweltbildung: ein multiperspektivischer Prozess

Direkt hieran anschließen lassen sich die wichtigsten Prämissen für interkulturelle Umweltbildung formulieren:

  • Interkulturelle Umweltbildung muss inklusiv und partizipativ sein, aber niemals normativ. Sie ist ein multiperspektivischer Prozess; offen für unterschiedliche Zugänge, die Menschen zur Natur und zu sich selbst gefunden haben. Es gibt nicht den einen, vermeintlich „richtigen“ Zugang zur Natur, sondern viele verschiedene, die selbst in steter Veränderung begriffen sind. Deshalb kann der Austausch biographisch und kulturell unterschiedlich bedingte Naturzugänge nur auf Augenhöhe stattfinden und in dem Bewusstsein, dass die Grenzen zwischen Lehrenden und Lernenden verschwimmen.
  • Interkulturelle Umweltbildung muss davon ausgehen, dass das lebendige „Feld“ der Natur die Lebendigkeit der Menschen, seine Kreativität im Umgang mit der ökologischen Krise befeuern. Wenn Menschen sich in einen lebendigen und empathischen Prozess des Austausches untereinander und mit der Natur begeben, kommen neue Bilder in die Welt und können durch einen transformierten Naturumgang in die Natur zurückgespiegelt werden.
  • Die Natur ist lebendig. Wir sind es auch. Eine erfolgreiche interkulturelle Umweltbildungsarbeit weckt die Neugier auf alles, was anders als wir selbst sind – und zwar aus dem Grund, weil wir uns selbst im Anderen begegnen wollen.

Literatur

Baier, Andrea/ Müller, Christa/ Werner, Karin (2007): Wovon Menschen leben Arbeit, Engagement und Muße jenseits des Marktes, München: oekom

Biermann, Frank (2001): Umweltflüchtlinge. Ursachen und Lösungsansätze. In: Das Parlament 11/2001, Beilage

Hüther, Gerald (2007): Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht

Müller, Christa (2002): Wurzeln schlagen in der Fremde. Die Internationalen Gärten und ihre Bedeutung für Integrationsprozesse, München: oekom

Weber, Andreas (2008): Alles fühlt. Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften, Berlin: BvT

Werner, Karin (2008): Interkulturelle Gärten als Sozialräume der Mikro-Integration München: Stiftung Interkultur-Skripte zu Migration und Nachhaltigkeit, Band 6

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Interkulturelle Gärten
(Fotos: Dr. Christa Müller)

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52 K

 

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